Denkmal des Monats - Mai 2018

Ostwestfalen Lippe
Gebäudeteile des Stadthauses von der Wallseite (Höxter)

Höxter als östlichste Stadt Nordrhein-Westfalens liegt im Zentrum des landschaftlich sehr reizvollen Weserberglands direkt an der Weser. Eine topographisch ansprechende Lage mit Einbettung in der Flussniederung und umgebenden Höhenzügen des Solling auf niedersächsischer Seite und des Brunsberg, Bielenberg und Räuschenberg im Westen und Norden zeichnet die Siedlung aus.

Höxter war im Hochmittelalter eine der ältesten und größten Städte Norddeutschlands. Mehrere günstige Rahmenbedingungen führten zu dieser positiven Entwicklung. Die nahezu hochwasserfreie Lage in der Weserniederung an der Einmündung eines westlichen Zuflusses bildete eine der geographischen Grundvoraussetzungen. Zwei der wichtigsten Handelswege kreuzten sich hier: In west-östlicher Richtung verlief der sog. Hellweg, eine bedeutende Heer- und Handelsstraße. Bei Höxter querte diese Route den in nord-südlicher Richtung verlaufenden Weser-Handelsweg (auch als Bremer Straße bezeichnet). In der Folge entwickelten sich sehr früh feste Weserübergänge (nachgewiesene Brücke bereits 1115). Auch die Gründung der nahegelegenen Reichsabtei Corvey im 9. Jahrhundert, von der UNESCO inzwischen als Weltkulturerbe ausgezeichnet, war von äußerster Wichtigkeit für die Region und strahlte weit darüber hinaus. Innerhalb der Stadt befanden sich an den Achsen der Handelswege viele Steinhäuser aus gotischer Zeit und renaissancezeitliche Fachwerk-Bürgerhäuser. Es handelte sich um bevorzugte Wohnlagen in der Stadt; hier wurde repräsentativ gebaut. Sehr viele dieser Häuser sind noch heute erhalten.

WESTERBACHSTR. 45

Dieses große Areal mit dem aufstehenden Gebäudekomplex war und ist nicht durch Wohnnutzung geprägt, sondern diente früher kirchlichen, karitativen und öffentlichen Zwecken und ist heute zentrale Anlaufstelle der kommunalen Dienstleistung.

Die neben dem westlichen Stadttor der Altstadt befindliche Parzelle war der Kernbereich des Petrikirchenbezirks. Hier stand eine große, mittelalterliche Kirche, deren frühester bekannter archivalischer Nachweis auf das Jahr 1245 datiert und die in den Jahren 1811/12 abgebrochen wurde. Die stattliche, mehrschiffige Kirche gehörte für Jahrhunderte mit ihrem gut 51 m hohen quadratischen Turm zu den optisch dominierenden Gebäuden der Stadt Höxter. Der Abbruch erfolgte in der kurzen Epoche des Königreichs Westphalen (Jérôme Bonaparte) - ob aus Gründen von Baufälligkeit, oder weil Platz für ein Schulgebäude gesucht wurde, ist umstritten. Zur Erinnerung an die damaligen Baulichkeiten ist heute an der Örtlichkeit eine Informationstafel mit einer Darstellung des Kirchenaufmaßes vor Abbruch zu sehen. Ebenso sind in der Geländebefestigung Lage und Größe des früheren Kirchturms veranschaulicht.

Schon unmittelbar nach dem Kirchenabbruch erfolgte auf dem nördlichen Grundstücksteil zwischen 1812 und 1817 die Neubebauung mit einem zweigeschossigen, massiven Putzbau mit Sandsteindach, parallel zur Achse der Westerbachstraße ausgerichtet. Die Eingangsseite ist geprägt durch einen Mittelrisaliten mit bekrönendem Dreiecksgiebel. Der Bau wird gegliedert durch Eckquaderungen, umlaufende Gesimse und Sohlbankgesimse. Der Text der Denkmalerfassung beschreibt für den Haupteingang eine „Revolutionsarchitektur mit mächtigem, ungegliederten Sandsteinsturz durch in die Mauerstärke eingestellte dorische Säulen getragen, darüber segmentförmiger Entlastungsbogen. Große Teile des erforderlichen Baumaterials wurden aus dem Abbruch der alten Kirche gewonnen. Der Neubau wurde als Schulgebäude genutzt – er beherbergte über viele Jahre die sog. Petrischule.

Etwas später, um 1849, errichtete man die Bebauung der westlichen Grundstückspartien entlang der Wall- und Stadtbefestigungsanlage. Es entstand zur Unterbringung eines Kinderheimes ein langgestrecktes zweigeschossiges Gebäude, dessen Westseite Teile der Stadtmauer einschl. eines Wehrturmes integrierte. Die Hofseite wurde gegliedert durch drei quer liegende Giebelbauten. Auch dieses Gebäude wurde regionaltypisch sandsteingedeckt. Im Gegensatz zur Petrischule wies das Kinderheim bruchsteinsichtige, unverputzte Fassaden auf. Erweiterungen (z. B. für ein Stallgebäude) und bauliche Änderungen erfolgten um 1930 sowie in den 1950er Jahren.

Das gesamte Areal war allseitig eingefasst durch eine prägende, unterschiedlich hohe Bruchsteinmauer aus Sandstein, wobei die westlichen Abschnitte zur Wallanlage als Teil der mittelalterlichen Stadtmauer bewahrt und in die Neubauten einbezogen wurden.

Bis heute sind die Gebäude und die Umfassungsmauern in ihren wesentlichen Teilen erhalten und trotz der Veränderungen der letzten Jahrzehnte anschauliche Zeugnisse für die Baugeschichte des Petribezirks nach der napoleonischen Zeit.

Nach langen Jahrzehnten der Nutzung durch Schule, Kinder- und Altenheim, auch Landwirtschaft, bis hin zu studentischem Wohnen gab es in den 1980er Jahren Bestrebungen der Stadt Höxter, ihre bis dahin auf viele Standorte verteilte Verwaltung örtlich zu konzentrieren, für diese Zwecke das Areal des früheren Kirchhofs zu erwerben und die Gebäude entsprechend instand zu setzen und umzubauen. Dieses Vorhaben konnte nach gründlicher Vorplanung und Abstimmung aller Beteiligten mit Landesunterstützung in den Jahren 1986 bis 1989 umgesetzt werden. Die Gebäude wurden gemäß Anforderungen an eine moderne Verwaltung denkmalverträglich umgebaut. Die beiden Einzelbauten erhielten zur Kopplung einen transparenten, modernen Verbindungsgang als Stahl-Glaskonstruktion. Die große Hof- und Gartenfläche sollte von PKW-Einstellplätzen freigehalten werden. Daher wurde eine Tiefgarage errichtet, die wegen der historischen Bedeutung des Petri-Areals die Notwendigkeit einer umfangreichen archäologischen Grabungskampagne auslöste. Oberirdisch tritt diese Garage nicht in Erscheinung; der darüber liegende Freibereich und der gesamte Innenhof wurden zu einer attraktiven Gartenanlage umgestaltet, die der Nutzung durch die Öffentlichkeit ausdrücklich zur Verfügung steht.

Heute bietet der Petribezirk die wesentliche Anlaufstelle der Bürger für ihre Anliegen und den kommunalen Mitarbeitern eine angenehme Arbeitsstätte; er verbindet denkmalpflegerische und stadtgestalterische Ansprüche mit den ökologischen Aspekten der Stadtbegrünung.