Denkmal des Monats - September 2018

Ostwestfalen Lippe
Papiermühle Plöger in Schieder (Schieder-Schwalenberg)

In dem schmalen Tal der Niese in Schieder verbirgt sich die über 300 Jahre alte Papiermühle Plöger. Nur wenige werden in dem zweigeschossigen Fachwerkbau mit seinen Nebengebäuden eine vollständige Papierproduktion des 19. Jahrhunderts vermuten.

Beim Näherkommen jedoch fallen als erstes die langen Lüftungsgauben in den Dachflächen auf und beim näheren Hinsehen erkennt man, dass der Fluss Niese aufgestaut und über einen Mühlengraben die Wasserkraft für die Mühle benutzt wird.

Beim Betreten der Produktionsräume sieht man die typische Arbeitswelt aus der damaligen Zeit. In einem Zwischentrakt über dem Mühlengraben liegen 2 große oberschlächtige Wasserräder, die, durch das überfallende Wasser in Bewegung gesetzt, einen ganzen Maschinenpark über Transmissionen, Wellen und Kammräder antreiben.

Bei den ersten Produktionsstufen fallen die vielen Altpapierbestände auf. Diese wurden als umweltfreundliches Ausgangsprodukt in einem großen steinernen Kollergang zermahlen.

Dieses Mahlgut, der Papiermacher nennt es Halbzeug, wurde nun in einem sogenannten Holländer, einem liegenden ovalen und steinernen Behälter, gefüllt mit dem guten Wasser der Niese, mit einer Messerwalzen zerkleinert. Dabei wurden Farbe, Leim und eventuell noch andere Füllstoffe beigemischt, bis der sehr wässrige Papierbrei, auch Pulpe genannt, den Anforderungen des gewünschten Papieres entsprach. Die Pulpe wurde nun in der Vorratsbütte mit Rührwerk vorgehalten und über einem Pumpwerk der Rundsiebmaschine zugeführt. In dieser Papiermaschine aus dem Jahre 1870 wurde der Papierbrei auf dem Rundsieb entwässert und über ein Endlosband aus Filz abgegautscht. Das Filzband transportierte den kontinuierlichen Papierflies zur Formatwalze, wo es je nach Kundenwunsch zu verschiedenen Dicken aufgewickelt und pro Walzenumfang als erkennbares Papier/Pappe abgetrennt wurde.

Die dazu notwendigen Handgriffe sind heute für den Betrachter einfach nachzuvollziehen, aber in den früher dunklen Räumen (elektrisches Licht wurde erst 1933 eingeführt) und feuchten Kellerräumen war dies auf Dauer keine angenehme Arbeit.

Die bereits aufgestapelten Pappen wurden dann in einer mächtigen Spindelpresse mit Muskelkraft gepresst und somit entwässert. Doch diese Pappe war noch recht feucht und noch nicht reißfest.

Mit einem handbetriebenen Lastenaufzug in der Hausmitte wurden die Pappen aus dem Keller in den Trockenbodenbereich gebracht. Hier oben reiht sich in 2 Stockwerken, Schnur an Schnur die bereits gefaltete Pappe zum Trocknen. Größere Papierformate wurden mit Wäscheklammern befestigt. Durch die Dachgauben kann die Luft eintreten und zirkulieren um den Trocknungsprozess zu beschleunigen.

Wie beim Wäschetrocknen, so wurden die Papier/Pappen leicht wellig und mussten zur Weiterverarbeitung in das Erdgeschoss transportiert werden, wo es begutachtet und sortiert, um dann unter der Trockenspindelpresse in einem ersten Prozess geglättet wurde. In einem nächsten Bearbeitungsprozess wurden die Pappen zwischen Messingplatten gelegt, einem weiteren Pressen in dem Glättwerk mehrmals unterzogen. Dabei wurden durch das Walzen die Unebenheiten in der Pappe beseitigt, die Pappe somit in der Oberfläche verdichtet bzw. satiniert.

Anschließend erfolgte das Beschneiden der Ränder mittels der historischen Papierschneidemaschine und nach dem Stapeln das nochmalige Pressen auf die Transportstapelmaße. Danach wurden die Stapel auf der Dezimalwaage gewogen und für den Transport verpackt.

Als letzte Maschine sei noch der ebenfalls durch Wasserkraft angetriebene Lumpenschneider erwähnt, mit dem die früher verwendeten Lumpenreste als damals alleiniger Rohstoff klein geschnitten wurden.

Die Geschichte der Papiermühle in Schieder

Bereits 1697 gestattete Graf Casimir zur Lippe-Brake, dem Papiermeister Johann Bernd Plöger, hier in Schieder auf den Resten eines alten Eisenhammers, eine Papiermühle zur Herstellung von Büttenpapier aufzubauen. Dies war nicht von Erfolg gekrönt, da 2 Hochwasser die Mühle buchstäblich den Bach runter gehen ließ und Plöger somit den Mühlenbetrieb aufgeben musste. Graf Rudolf zur Lippe-Brake nahm diese wieder an sich und baute die Mühle um 1703 neu auf. Im gleichen Zeitraum wurde auch das Schloss Schieder errichtet. Diese neue und vergrößerte Papiermühle verpachtete der Graf an den Bruder, Franz Christian Plöger. In der Folgezeit lebten und arbeiteten 8 Generationen der Familie Plöger in diesem Betrieb, um bis 1872 Büttenpapier zu schöpfen, das hauptsächlich an die Verwaltungen ging.

Ein Ende dieser händischen Papierproduktion zeichnete sich Mitte des 19 Jhdt. ab, als die großen Papierfabriken auf Basis des dann erfundenen Holzschliffs und der Holzzellulose produzierten Papiere billiger und schneller herstellen konnten.

Die Familie Plöger erkannte die Zeichen der Zeit und baute die Papiermühle 1870/72 zur Pappenfabrikation in die heute noch erhaltene Form um. In diesem Jahr konnte die Familie auch die Papiermühle endgültig in ihr Eigentum übernehmen.

In den Folgejahren wurde bis 1989 Wickelpapiere für Aktendeckel hergestellt. In vielen Archiven findet man heute noch die verschieden farbigen Pappen, die speziell gefertigt für das Einnähen der einzelnen Akten angefertigt wurden.

Diese Pappenproduktion und ihre Maschinen, sind seit 1870 bis heute erhalten geblieben und wurden nach der Aufgabe der Produktion, aufwendig restauriert. Heute präsentiert sich die Papiermühle als anschauliches Technisches Kulturdenkmal, zumal von den bekannten historischen Standorten der Papierfabrikation in Westfalen-Lippe diese Papiermühle als letzte mit ihrer gesamten Ausrüstung erhalten geblieben und heute noch, nur mit Wasserkraft angetrieben wird.

Mit der Aufgabe der Pappenproduktion 1989 und der folgenden bauhistorischen Bestandsaufname wurde mit Hilfe dem Westfälischen Amt für Denkmalpflege Münster, der Bezirksregierung Detmold und der Stadt Schieder-Schwalenberg als untere Denkmalbehörde ein Restaurierungs- und Bewirtschaftungskonzept erstellt. Als Förder- und Trägerverein wurde dafür der Heimatverein Schieder e.V. gegründet, der mit gezielten Aktivitäten, erfolgreich die Förderung und die Beschaffung von Finanzmitteln mit Unterstützung der Nordrhein-Westfalen-Stiftung, des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, der Stadt Schieder-Schwalenberg und verschiedenen Sponsoren bis heute organisiert.

Die Papiermühle ist jährlich geöffnet von Mai bis Oktober, samstags von 15-17 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 10-12 Uhr und 15-17 Uhr. Zusätzliche Führungen außerhalb dieser Öffnungszeiten können vereinbart werden.

Quellen:

Lippischer Heimatbund (Dr.Heinrich Stiewe und Dr.Thomas M. Dann) Lippische Kulturlandschaften 2013

Lippischer Heimatbund (Marita Kewe und Burkhard Meier) Lippische Kulturlandschaften 2005

Schieder – Ein Blick in die Geschichte

Schieder, im lippischen Südosten an der Emmer gelegen, hat eine lange Geschichte, die bis in die Karolingerzeit zurückreicht. Ein Königshof in Schieder (curtis Sidri) wird 997 erwähnt, er entstand zurzeit Kaiser Ottos1, des Großen. Die Lokalisierung der Skidrioburg ist bis heute umstritten, doch der zugehörige Gutshof (curtis) lag im Emmertal. Hier entstand im Mittelalter eine Gewerbesiedlung mit Töpfereien, Glasbrennöfen und Schmiedeplätzen, die 1982 bei Bauarbeiten zum heutigen Schiedersee ausgegraben wurden. 997 hatte Kaiser Otto seinen Besitz in Schieder dem Erzstift Magdeburg übertragen, das damit die Grafen von Schwalenberg belehnte. 1350 kauften die Edelherren zur Lippe den Schwalenberger Lehnsbesitz in Schieder. 1484 übergab Edelherr Bernhard VII. zur Lippe den Besitz an das Augustinerkloster in Blomberg. 1533 begann sich der Blomberger Konvent unter dem Einfluss der Reformation aufzulösen. Damit wurde Schieder, Sitz des Amtes eines Verwaltungsbezirkes. Mit 550 Hektar Ackerland, Wiesen und Wald war Schieder die größte lippische Domäne. 1789 fielen Amt und Meierei Schieder endgültig an die Fürsten Lippe-Detmold. Seitdem diente Schloss Schieder als fürstliche Sommerresidenz, insbesondere Fürstin Pauline zur Lippe hielt sich dort gerne auf. 1918 gingen Schloss und Domäne Schieder in den Besitz des Landes Lippe über. Mit der kommunalen Neugliederung von 1970 wurde der Ort ein Teil der neuen Stadt Schieder-Schwalenberg.