Denkmal des Monats - November 2017

Ostwestfalen Lippe
Kirchhofstraße 5, Fachwerkhaus von 1664 (Blomberg)

Ein rotes Fachwerkhaus in Blomberg

Seit der Fassadenrestaurierung im Frühjahr 2014 präsentiert sich das Baudenkmal Kirchhofstraße 5 mit leuchtend roten Fachwerkhölzern, altrosa Putzgefachen und dunkelbraunen Fenstern. Viele fragen sich: Wie kommt es zu dieser ungewöhnlichen Farbgebung? Warum wurden die Fachwerkhölzer nicht wieder - wie gewohnt - braun oder schwarz und die Gefache weiß gestrichen? Die rote Farbgebung ist historisch belegt und wurde streng nach Befund wiederhergestellt: Restauratorische Freilegungen an der Fassade erbrachten als älteste Farbschichten Rotbraun (Eisenoxidrot) auf den Fachwerkhölzern und drei Schichten Altrosa auf dem groben Kalkputz der Gefache. Als Pigment wurde roter Ocker verwendet. Dieser Anstrich ist in die Zeit um 1840 zu datieren, er korrespondiert mit einem biedermeierlichen Umbau der Stubenfenster.

Nach diesem klaren Befund entschloss sich der Eigentümer zur Wiederherstellung der roten Farbfassung. Auch das Spätrenaissance-Schnitzwerk der Fassade von 1664 (Zahnschnitt, Beschlagwerk, Ranken, Akanthusblätter und Inschriften) war einfarbig rotbraun übermalt, kommt aber bei Sonnenlicht als Relief gut zur Geltung. Lediglich bei den Inschriften wurde vom Befund abgewichen: Da die um 1970 angebrachte Vergoldung noch gut erhalten war, wurde diese nicht entfernt, sondern beibehalten - als wirkungsvoller Akzent auf der roten Fassade. Die rote Farbigkeit harmoniert sehr gut mit dem rotbraunen örtlichen Sandstein des Kellersockels und wirkt bei unterschiedlichem Sonnenstand oder bewölktem Himmel immer wieder anders: Mal erscheinen die Hölzer dunkler als die Gefache, mal heller - es ergibt sich ein wechselndes, immer wieder neues Farbenspiel.

Rote Fachwerkfassungen waren seit dem 16. und 17. Jahrhundert in Hessen, Baden-Württemberg und Franken, aber auch in Niedersachsen und Westfalen weit verbreitet. Bekannte Beispiele sind etwa die Rathäuser in Duderstadt und Schwalenberg oder die Ratsapotheke in Einbeck. Um 1840, als die rote Farbigkeit am Haus Kirchhofstraße 5 in Blomberg angebracht (oder erneuert) wurde, war sie eigentlich schon aus der Mode. Bereits 1788 schrieb ein unbekannter Reisender im „Westphälischen Magazin" über die Stadt Lemgo: „Die Straßen (...) werden so wie das äußere der Häuser reinlich gehalten, nur müsste an diesen, besonders an denen der gemeinen Bürger, die dunkelrote Farbe weniger zu sehen seyn."

Ein Handwerkerhaus von 1664

Das Haus Kirchhofstraße 5 steht an der Nordseite des früheren Kirchhofes der im Jahre 1833 bis auf den Turm abgerissenen Blomberger Stadtkirche St. Martini.

Das Fachwerkhaus ist ein typisches kleinbürgerliches Handwerkerhaus des 17. Jahrhunderts. Es wurde laut Torinschrift von „HANS HENRICH RIDDER (und) CATRINE AUENHAUSEN (Avenhausen) ANNO CHRISTI 1664" errichtet. Ridder hatte ein Jahr zuvor das Bürgerrecht erworben und heiratete am 30. Oktober 1664 - da war das Haus vermutlich noch im Bau. Sein Beruf ist nicht bekannt, er dürfte Handwerker gewesen sein und starb 1700. 1702 wohnte hier der Küster Jürgen Otto Marthäus; fast 100 Jahre diente das Gebäude als Küsterhaus der Martinikirche. Im 19. Jahrhundert wurde das Haus von Kleinschmieden und Zeugmachern (Wollwebern) bewohnt; nach 1900 lebte hier Heinrich Tönsmeier, der zwei Kaltblutpferde hielt und die Blomberger Gaststätten mit Falkenkrüger Bier aus Detmold belieferte. Zwar betrieben die Bewohner des Hauses eine kleine Landwirtschaft zur Selbstversorgung, doch war das Gebäude kein „Ackerbürgerhaus".

Das Haus wurde 1664 als relativ schmales, zweischiffiges Dielenhaus mit einer befahrbaren Diele an der rechten Seite errichtet. Es ist als Dreiständerbau mit drei tragenden Ständerreihen konstruiert. Das relativ steile Dach wird durch einen Dachstuhl mit Hochständern in Firstrichtung stabilisiert.

Das Haus ist im Innern bis heute in einem relativ unberührten Zustand erhalten: Die stark rußgeschwärzte Decke der Diele mit erhaltenen Räucherstangen bezeugt, dass das Haus bis ins 19. Jahrhundert ein offenes Herdfeuer ohne Schornstein besaß, also ein Rauchhaus war.

Durch die hölzernen, balusterförmig ausgesägten Rauchgitter über dem Dielentor konnte der Rauch ins Freie abziehen. Der Stubenschornstein wurde erst 1910 eingebaut, bis dahin entließ der Stubenofen seinen Rauch auf die Diele. Das Herdfeuer lag ursprünglich unter einer Rauchbühne am Ende der Diele und wurde im 18. Jahrhundert in eine seitliche Küchennische verlegt. Dort wurde um 1850 ein Küchenschornstein errichtet.

Links neben der Diele liegt die unterkellerte Wohnstube mit Fenstern zur Straße. Eine hölzerne Trennwand zur anschließenden Schlafkammer enthält neben der Kammertür zwei Wandschränke aus dem 18. Jahrhundert und eine heute verschlossene Öffnung eines eingebauten Bettkastens, eines Alkovens - als letztes erhaltenes Beispiel in Blomberg. Um 1840 wurde die Stube im Biedermeierstil renoviert: Sie erhielt neue Fenster und eine neue Tür mit Messingdrückern, die Balkendecke wurde mit Lehm verputzt und weiß gestrichen. Auf den Wänden gab es eine umlaufende Sockelleiste; unterhalb der Leiste konnte ein dunkelgrauer Sockel mit feinen roten und blauen Tupfen nachgewiesen werden. Im Bereich des Stubenofens war dieser Sockel als gemalte, rechteckige Ofennische um den Ofen herumgezogen. Dieses rechteckige „Ofenfeld" wurde von einem kräftig ultramarinblauen Begleitstrich eingefasst und mit einem gemalten flachen Dreiecksgiebel mit einer gemalten Blume oder Palmette als Abschluss versehen - eine schlichte Wanddekoration des Klassizismus.

Eine ähnliche Wandgestaltung mit insgesamt 37 Farb- und Tapetenschichten konnte auch in der zweiten Stube im Hinterhaus nachgewiesen werden, die vermutlich von den Altenteilern bewohnt wurde.

Das Dielenhaus von 1664 umfasste ursprünglich sechs Fache und wurde 1711 (Jahrringdatierung) um ein Hinterhaus von zwei Fachen erweitert. Dieses Hinterhaus enthält im Erdgeschoss die genannte zweite Stube und einen Stall mit steinernen Krippen. Hier standen zuletzt die Pferde von Heinrich Tönsmeier. Im Obergeschoss gibt es einen sogenannten Saal, der zuletzt als Schlafzimmer genutzt wurde, und eine Nebenkammer.

Die Sanierungsarbeiten sind noch nicht abgeschlossen; nach Fertigstellung soll das Gebäude wieder als Wohnhaus genutzt werden.

Ein Blick in die Stadtgeschichte

Die Stadt Blomberg wurde um 1250 von Bernhard III., edler Herr zur Lippe, gegründet. Der auch bei den anderen lippischen Städten (Lippstadt, Lemgo, Horn, Detmold) verwendete Grundriss zeigt das bekannte Drei-Straßen-Schema mit einer Hauptstraße (Langer Steinweg), von der zwei Nebenstraßen (Brinkstraße und Kuhstraße) abzweigen. Diese werden durch eine Querachse (Burgstraße, Kurzer Steinweg) wieder zusammengefasst. Eine Gründungsurkunde ist nicht erhalten, 1283 wird Blomberg erstmals als Stadt erwähnt. Der Name erklärt sich aus der Blume („Blomberg de Bleome"), der Rose als Wappen der Edelherren zur Lippe, bis 1511 war Blomberg deren bevorzugte Residenz. Auf einem markanten Bergsporn gelegen und mit einer festen, heute noch zum Teil erhaltenen Mauer umgeben, galt Blomberg als die am stärksten befestigte lippische Stadt. Handwerk und Handel wurden durch die vorbeiführende „Kölnische Landstraße", einen wichtigen Zweig des westfälischen Hellwegs (heutige Bundesstraße 1) gefördert.

Die größte Katastrophe in der Geschichte der Stadt Blomberg war ihre nahezu völlige Zerstörung in der Soester Fehde am 15. Juni 1447. Böhmische Söldner im Auftrag des Kölner Erzbischofs eroberten die Stadt und brannten sie völlig nieder. Die ältesten erhaltenen Häuser in Blomberg konnten in die Zeit des Wiederaufbaus nach dieser Zerstörung datiert werden (Langer Steinweg 20, 1452-55, Neue Torstraße 10, 1450-54, Jahrringdatierung).

Der Wiederaufbau wurde durch ein besonderes Ereignis begünstigt: Eine Frau namens Alheyd hatte nach Ostern 1460 45 geweihte Hostien aus der Stadtkirche entwendet und später aus Angst vor Verfolgung in einen Brunnen geworfen. Mittelalterlichen religiösen Vorstellungen entsprechend wurden dem Brunnenwasser daraufhin wunderheilsame Kräfte zugeschrieben und es entstand eine weit über Lippe hinaus bekannte Sakramentswallfahrt nach Blomberg. Zur geistlichen Betreuung der zahlreichen Pilger gründete der Landesherr, Edelherr Bernhard VII. zur Lippe, 1468 ein Augustiner-Chorherrenstift und besetzte es mit Mönchen aus Möllenbeck bei Rinteln. Anstelle der zunächst errichteten kleinen Wallfahrtskapelle entstand 1462 bis etwa 1485 die erhaltene spätgotische Klosterkirche.

Auf etwa 330 Hausstätten innerhalb der Stadtmauern entwickelten sich kleinstädtischer Handel, Handwerk und Gewerbe. Eine besondere Rolle spielten die Schuhmacher (zeitweilig über 100 Meister) und die Stuhltischler, die schon früh für den Export produzierten. Landwirtschaftlich tätige „Ackerbürger" bildeten nur eine kleine Minderheit.

Zahlreiche stattliche Fachwerk-Dielenhäuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert blieben erhalten. Weitere Fachwerkbauten des 18. und 19. Jahrhunderts prägen das Stadtbild bis heute. Mit rund 100 unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden bildet die Blomberger Altstadt ein beeindruckendes Ensemble historischer Bausubstanz.

Erst relativ spät, ab 1863, begann die Stadt über ihre mittelalterlichen Mauern hinaus zu wachsen. Die Industrialisierung ist in Blomberg eng mit dem Rohstoff Holz verbunden. Ab 1885 entstanden aus dem örtlichen Tischlerhandwerk mehrere Stuhlfabriken. Zudem wurde hier die erste Buchensperrholzplatte entwickelt, die nachfolgend im Möbelbau eine entscheidende Rolle spielte. Nach dem Niedergang der Stuhlindustrie seit den 1960er Jahren entwickelten sich Elektrotechnik und Elektronik zu den führenden Wirtschaftszweigen der Stadt.

Durch die Eingemeindung von 18 ehemals selbständigen Dorfgemeinden im Zuge der Kommunalreform von 1970 erhielt die Stadt Blomberg mit ca. 16.000 Einwohnern auf einer Fläche von knapp 100 Quadratkilometern ihr heutiges Gesicht.

(Heinrich Stiewe)

Zum Weiterlesen:

Heinz-Walter Rolf: Blomberg. Geschichte - Bürger - Bauwerke. 2. Auflage Blomberg 1981.

Heinrich Stiewe: Hausbau und Sozialstruktur einer niederdeutschen Kleinstadt. Blomberg in Lippe zwischen 1450 und 1870 (Schriften des Westfälischen Freilichtmuseums Detmold, 13). Detmold 1996.

Hiram Kümper (Hrsg.): Miscellanea Blombergense. Quellen und Beiträge zur Stadtgeschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Bielefeld 2015.