Denkmal des Monats - Dezember 2017

Südwestfalen
Bankgebäude Bahnhofstrasse (Siegen)

Das heutige Commerzbank-Gebäude wurde im Rahmen des Wiederaufbaus auf der Altstadtseite der Sieg am Kölner Tor für den Bankverein Westdeutschland erbaut.

Der Entwurf aus dem Jahr 1950 stammte von der Arbeitsgemeinschaft der Architekten Willi Beier und Günter Reichert, Siegen und wurde 1950 bis 1951 errichtet.

Es handelt sich um ein dreigeschossiges Bankgebäude über einem nahezu quadratischen Grundriss von rund 19,00 m Kantenlänge, dem an der Westseite ein zweigeschossiger Altan auf vier Pfeilern vorgestellt ist. Bautechnisch ist es ein Betonskelettbau mit einem verschieferten und von Gauben durchsetzten Walmdach. Das Erdgeschoss ist an den Wänden und den gegliederten Pfeilern mit Werksteinplatten verkleidet sowie durch Lisenen, Architrav, Schaufenster, Schaukästen und den Eingang strukturiert. Die beiden Obergeschosse sind hell verputzt und werden durch ein vorkragendes Gesims abgeschlossen. Die durch ein niedriges Gitter geschmückten Fenster im ersten Obergeschoss sind höher als die des zweiten Obergeschosses. Alle Fensterlaibungen sind mit dem Werkstein des Erdgeschosses schmal gerahmt. Die seitlichen Fenster des Altans sind gekoppelt. Alle Fenster - mit Ausnahme der Dachgaupen - sind mit hochrechteckigen Sprossen geteilt. Diese Gestaltung umfasst alle sichtbaren Seiten des Gebäudes. An der nördlichen Fassade zur Sieg sitzt im 2. Obergeschoss mittig ein Balkon mit Schmuckgitter. Hier lag früher eine große und gut ausgestattete Wohnung, wahrscheinlich für den Bankdirektor.

Das Gebäude ist bedeutend für Siegen, weil es ein prägnanter Teil des Wiederaufbaukonzeptes der im Zweiten Weltkrieg stark zerstörten Stadt ist. Die Kubatur des Bankgebäudes entspricht in diesem Zusammenhang laut Aussage der Bauakte exakt und ausdrücklich dem festgelegten Bebauungsplan. Nach dem 2. Weltkrieg hat die Stadt Siegen den berühmten Architekten Paul Schmitthenner und den Landesplaner Gerhard Offenberg mit einem Gutachten zur Wiederaufbauplanung beauftragt, das dann in einem Bebauungsplan mündete, in den auch der Bereich am „Kölner Tor" einbezogen war. Offenbar wollte man hier in hoher Qualität einen dem städtebaulichen Verständnis der 1950er Jahre entsprechenden architektonischen Auftakt zur Altstadt mit ihrem berühmten „Scheiner-Blick" - nach einem Gemälde Jakob Scheiners von 1850 mit dem Blick über die Siegbrücke zum Unteren Schloß und Martinikirche - schaffen. Dabei ging es um die Wiedergewinnung der Sichtbeziehungen zur Altstadt, eine angemessene Eingangssituation dorthin aber auch um die Lenkung des Verkehrs. Als Kopfbau der in gleicher Form und Kubatur entstandenen Reihe, direkt an der von alters her überkommenen Brücke über die Sieg, hatten die Gestalter und Bauherren des Bankgebäudes dabei eine besondere Verantwortung. Die Fassade ist einerseits gegenüber dem gewünschten Sichtbezug zum repräsentativen Unteren Schloss schlicht, andererseits in sich aber doch charakteristisch gegliedert und mit edlen Materialien verkleidet. Dieser Formenkanon entspricht den Wünschen architektonischer Selbstdarstellung, wie sie einer großen Bank zu eigen ist, die in einer Großstadt bestehen will. Hier kamen sich also Stadtplanung und Bauherr in idealer Weise entgegen. Offenbar ist es aus diesem Zusammenhang der Bank sogar gestattet worden, öffentlichen Raum für den Bau der Arkade in Anspruch zu nehmen.

Das Gebäude wurde an der Brücke über die Sieg, dem historischen Gründungsanlass der Stadt Siegen, errichtet und verdient darum alle Aufmerksamkeit. Im planerischen Zusammenhang sollte hier der Stadtgeschichte, dem „Kölner Tor" an der alten wichtigen Handelsroute nach Köln, Respekt gezollt werden. Hier wurden unter anderem deswegen auf der neu errichteten Siegbrücke die beiden auf die Geschichte Siegens verweisenden Figuren eines Bergmanns und eines Hüttenarbeiters aufgestellt. Der säulengestützte Altan des Bankgebäudes sollte mit einem gedachten, aber unverwirklichten Pendant symbolisch das „Kölner Tor" durch die Verengung des Raumes nachbilden und durch seine wertvollere und reichhaltigere Außengestaltung städtebaulich aufwerten.

Die verwendeten Baumaterialien sind zeitgemäß, der Wandaufbau und das gleichmäßige Öffnungsschema sind klassizistisch orientiert. Das Haus bildet dabei mit seiner Nachbarbebauung entlang der Altstadt die Grenze  zwischen der  historisierenden Altstadtplanung mit niedrigeren Satteldachhäusern und dem  zeitgenössisch modernen Vorstadtgebiet an der Hauptzufahrtstraße.

Der Architekt Günter Reichert gehört zu einer Gruppe renommierter Architekten die das Siegener Stadtbild in der Zeit des Wiederaufbaus mitprägten. Nach Abschluss seiner Ausbildung in Breslau war Günter Reichert zunächst bei Behörden und Siedlungsgesellschaften tätig, um später Mitarbeiter in der Literatur ungenannter aber wohl bekannter Architekten in Potsdam und Berlin zu werden. 1939 machte er sich selbstständig und ging dann von Berlin nach Posen, wo ihm angeblich große Planungsaufgaben für den Wieder - und Neuaufbau von Dörfern und Städten im Warthegau gestellt wurden. Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1945 ließ er sich als freischaffender Architekt in Siegen nieder. Hier war er in starkem Maß am Wiederaufbau beteiligt, es folgten Neubauten von Wohn- und Geschäftshäusern, Bürogebäuden und Industriebauten - auch außerhalb des Siegerlandes. Dank seiner Erfolge in Architektenwettbewerben übertrug man Günter Reichert zahlreiche Großbauten wie Bürogebäude, Sparkassen und Schulen in Siegen, unter anderem die Kaufmännische Berufsschule, die Industrie- und Handelskammer und das Sparkassengebäude. Auch in Süddeutschland nahm er an Wettbewerben teil und führte z. B. die Planungen für die Mensa der Universität Regensburg durch.

Das hier in Rede stehende Bankgebäude steht an einer besonders wichtigen Stelle der Stadtgeschichte, so dass ihm in seiner Entstehungsgeschichte und seiner o.a. Ausformung besondere wissenschaftliche Beachtung zukommen sollte.

LWL- DLBW, Münster