Denkmal des Monats - Mrz 2017

Ostwestfalen Lippe
Alte Schule am Wall (Detmold)

Nach vielen Jahrzehnten häufig wechselnder Unterbringung und stetig wachsender Schülerinnenzahlen ließ 1870/71 der damalige Schulleiter Drüner das erste eigene Schulgebäude für die höhere Mädchenbildung in Detmold errichten. Zunächst auf eigene Kosten, gegen Erstattung der Zinsen für das geliehene Kapital und Erträgen aus der Vermietung der Klassenräume. Später übernimmt die Schule das Gebäude als Träger und kauft es für 45.000 Reichsthaler. 1893 geht es schließlich in die Trägerschaft und das Eigentum der Stadt Detmold über.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wird die Schule zu klein und erfährt 1910/11 umfangreiche An- und Umbauten. Damit erhält sie die heute noch sichtbare Form. Der Altbau wird aufgestockt und so um ein ausgebautes Dachgeschoss mit hohem Mansarddach erweitert. Den Platz des ursprünglichen Dachreiters nimmt nun ein tonnenförmiger Turm mit geschmiedetem Altangeländer und Fahnenstange ein.

Am rechtsseitigen Erweiterungsbau setzt das korbbogige Hauptportal mit  seiner geschweiften Abdeckung und der breiten Einfassung mit bossierten Quadern und Keilsteinreliefs einen neuen markanten Akzent in der wallseitigen Fassade. An der höchsten Stelle des Bogens ist nach Art eines Schlusssteins ein Relief eingesetzt. Es zeigt eine im hellenistischen Stil gekleidete Frau. Mit einem großen Buch auf dem Schoß ist sie einem Mädchen zugewandt, hinter dem ein Globus steht. In der Formensprache des Jugendstils verweist die Darstellung auf bis heute gültige Bildungsideale: durch Lernen auf das Leben in dieser Welt vorbereitet zu sein. Darüber schmückt das Wappen der Stadt Detmold als Schulträger diesen bedeutungsvollen Portalabschluss aus dem Entstehungsjahr 1911.

Bemerkenswert für einen Schulbau dieser Zeit ist im Inneren neben der neobarock konzipierten Raumfolge von Entrée, Halle, Treppenhaus und Durchgang zur Aula die relativ aufwendige Ausstattung mit kassettierten Flügeltüren, Sprossenoberlichtern mit farbiger Jugendstilverglasung auch in den Treppenhausfenstern, Werksteintreppenpfeilern und geschweiften hölzernen Treppengeländern. „Das Gebäude ist mit seiner Ausstattung geprägt durch die Mischung von Stilelementen des Jugendstils und des Neobarocks" heißt es in der Denkmalwertbegründung aus dem Jahr 1986.

Nach dem Auszug des Mädchengymnasiums 1966 siedelte zunächst die Realschule in die Räumlichkeiten um. Heute befindet sich im Erdgeschoss das Standesamt mit dem Trauzimmer und den Diensträumen. Die oberen Geschosse haben ihre ursprüngliche Nutzung bewahrt und werden als Unterrichtsräume von der Volkshochschule Detmold-Lemgo genutzt.

Aula

Zeitgleich mit der Schulerweiterung 1910/11 entsteht an der Rückfront, erschlossen über einen Treppenabgang im Foyer des Hauptgebäudes, eine neue Aula. Neben ihrer außergewöhnlich schönen Ausstattung liegt ihre baugeschichtliche Besonderheit darin, dass sie zugleich als Festsaal wie auch Turnhalle für die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Mädchenausbildung immer bedeutender werdende Leibeserziehung diente. An der Eingangswand erhaltene Turngeräte zeugen noch heute davon.

Typologisch ist aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts eine solche Kombination kaum mehr so unverändert überliefert, vermerkt die Denkmalwertbegründung. Darüber hinaus zeigt der Anbau eine bemerkenswerte Vorstufe zur späteren Multifunktionalität im Schulbauwesen. Denkmalrang bezieht sie auch aus den original erhaltenen Ausstattungsstücken, die beide Nutzungsmöglichkeiten sofort erfahrbar machen. Das gilt für die Turngeräte ebenso wie für die Glasfenster. Vor allem an der Stirnwand lassen sie durch Farbgebung und Allegorien den pseudogewölbten basilikalen Innenraum zu einem Festsaal werden, der zugleich Erziehungsinhalte und Erziehungsideale zum Ausdruck bringt. In ihrer Ausformung bezeugen sie eine Stilsprache, die auch im Hinblick auf die Deckengestaltung für das Zeitalter des historisierenden Barock während des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts charakteristisch ist.

Die Aula diente nach dem Umzug des Mädchengymnasiums 1966 der nachfolgenden Realschule weiterhin als Turnhalle. Heute ist sie über den angrenzend auf dem ehemaligen Schulhof errichteten Hotelbau erschlossen und wird - um eine rückwärtige Empore mit zusätzlichen Sitzplätzen erweitert - als Tagungs-, Fest- und Veranstaltungsraum genutzt.

Informationen:

- Historische Fotos der Schule sind im Bildarchiv der Stadt Detmold bei den Online-Diensten zu finden unter dem Stichwort „Schulen" www.detmold.de

- Geoportal der Stadt Detmold, Bau- und Bodendenkmal, Denkmalwertbegründungen www.geoportal.detmold.de

Weitere Informationen, zahlreiche Aufnahmen historischer Gebäude und historische Stadtpläne enthält die Farbbroschüre „Detmold historisch", erhältlich bei der Touristinformation Detmold oder im www.detmoldshop.defür 3 €.