Denkmal des Monats - Mrz 2017

Südwestfalen
Archigymnasium (Soest)

Das Gebäude des Soester Archigymnasiums (altgriechisch für Erstes- bzw. Erzgymnasium) vor den Toren der Soester Altstadt ist Teil einer Dreiergruppe historischer Backsteinbauten entlang der Niederbergheimer Straße. Als ältestes Gymnasium der Stadt kann es auf eine fast fünfhundertjährige Tradition zurückblicken.

Zunächst in direkter Nachbarschaft von St. Patrokli im Altstadtkern gelegen, wuchs die Schülerzahl langsam, aber beständig. Trotz eines Neubaus im Jahr 1821 (der Ostflüges des heutigen Rathauses) überstiegen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Schülerzahlen abermals die Kapazitäten des Gebäudes. Zudem erforderten nun auch neu eingeführte Schulfächer, insbesondere in den Naturwissenschaften, gesonderte Räume für Experimente und Sammlungen. Ein Umzug war demzufolge unumgänglich.

Durch die zunehmende Verknappung von freiem Bauland innerhalb der Altstadt, bedingt durch ein starkes Bevölkerungswachstum Soests seit Beginn der Industrialisierung, sah sich das Gymnasium gezwungen einen alternativen Standort außerhalb der historischen Stadtmauern zu suchen.

Im Jahr 1926 konnte man das Gebäude des Königlichen Lehrerseminars in der Niederbergheimer Straße 9 übernehmen und nach ausgiebigen Umbaumaßnahmen dort zwei Jahre später einziehen. Zuvor, zwischen 1875 und 1926, diente das Gebäude der Ausbildung von Volksschullehrern. Da diese nach dem Wechsel der Lehrerausbildung an die neu geschaffenen pädagogischen Akademien keine Verwendung mehr für den Bau hatten, standen dem Archigymnasium hier die dringend benötigten Erweiterungsflächen zur Verfügung.

Der Backsteinbau stellt sich als dreiflügeliges Walmdachgebäude mit rückseitigem Anbau dar. Das traufständige Haupthaus mit seinen drei Etagen wird von zwei kurzen, um eine Geschosshöhe reduzierten, mit ihren Schmalseiten zur Straße stehenden, Flügeln ergänzt. An der Rückseite schließt sich, über einen schmalen Verbindungstrakt, die giebelständige, in ihren Höhenmaßen an dem Hauptgebäude orientierte, Aula an.

Umlaufende Sohlbankgesimse gliedern die klassizistische Fassade horizontal, ein Mittelrisalit und die Fensterachsen vertikal. Im Keller-, Erd- und erstem Obergeschoss sind die Fenster mit Flachbögen, im zweiten Obergeschoss arkadenartig mit Rundbögen ausgeführt. Die Fenstergewände im Erd- und ersten Obergeschoss wurden zwischen 1927 und 1928 teilweise profiliert verputzt.

Auffallend ist das im Mittelrisalit befindliche Portal. Dieses wird über eine, mit ziegelgemauerten Wangen eingefasste, sechsstufige Freitreppe erreicht und wurde im Zuge der Umbauarbeiten von 1927/28 stark verändert. Es verfügt über ein Oberlicht sowie zwei schmale hochrechteckige Fenster rechts und links neben der zweiflügligen Einfüllungstür. Oberlicht und Fenster sind mit, für Soest sehr ungewöhnlichen, Gittern im Art Déco Stil versehen. Die dekorativen Elemente der Gitter wiederholen sich im Aula Gebäude und stehen im Kontrast zu dem klassizistischen Erscheinungsbild des Gebäudes. Sie dürften sich auf die Umbauten in den späten 1920ern zurückführen lassen und bekunden eine klare Abgrenzung von der überkommenen und zeitgenössischen Architektur Soests in den 1920er Jahren.

Ferner zu erwähnen sind die Dachaufbauten. So findet sich rückseitig auf dem Verbindungstrakt zur Aula noch ein Materialaufzug zum Innenhof. Dieser diente der Erschließung der Aula (vormals das Wirtschaftsgebäude des Königlichen Lehrerseminars) für schwere Objekte. Zudem wurde, im Zuge der Umbauarbeiten für die Nutzung als Gymnasium, über dem zentralen Treppenhaus eigens eine Aussichtsplattform für astronomische Beobachtungen errichtet. Letztere ist allerdings nicht mehr in Betrieb und wurde überdacht. Die Baunaht lässt sich allerdings auch heute noch deutlich ablesen.

Die Entwicklung der Stadt Soest über ihre mittelalterliche Stadtgrenze hinaus dokumentierend wurde das Archigymnasium als Denkmal des Monats 2017 ausgewählt. Zusammen mit der benachbarten ehemaligen Landwirtschaftsschule (erbaut 1892) und dem ehemaligen Waisenhaus an der Niederbergheimer Straße (eingeweiht 1900) legt das Denkmal Zeugnis über einen bedeutenden Vorgang in der jüngeren Stadtgeschichte ab: Bedingt durch zunehmenden Wachstumsdruck innerhalb der Altstadt sah man sich gezwungen nicht ortsgebundene Institutionen in die Außenbereiche zu verlagern. Insbesondere der Umzug von Lehranstalten stellt hier eine weit geringere logistische Herausforderung dar als z.B. die Verlagerung von Handwerks- und Industriebetrieben. Darüber hinaus beleuchtet der Umzug des Archigymnasiums in die Niederbergheimer Straße ein Kapitel der Bildungsgeschichte und kann exemplarisch für eine Veränderung in der Schularchitektur stehen. Infolge des zunehmenden Bedeutungswandels vom altsprachlichen hin zum mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht wächst zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Bedarf an spezialisierten Fachräumen. Selten können diese problemlos in bestehende Schulgebäude integriert werden und erfordern daher oft ausgiebige Um- oder Neubauten.