Denkmal des Monats - Oktober 2017

Südwestfalen
Goldener Hahn, Lange Straße (Lippstadt)

Lange Jahre galt es als das älteste und schönste Fachwerkhaus Lippstadts. Das älteste ist es nicht mehr, denn bei Untersuchungen wurden jetzt ältere Fachwerkhäuser oder Teile daraus entdeckt. Aber der Goldene Hahn ist sicher immer noch eines der schönsten Fachwerkgebäude in der Stadt.

„Aedificata anno 1566" ist auf dem Rähm oberhalb des Eingangstores zu lesen. Somit feierte das Haus gerade seinen 450. Geburtstag.

Mit sehr detailreicher Schnitzerei waren die Fachwerkhäuser wohlhabender Eigentümer in der Mitte des 16. Jahrhunderts geschmückt. So zeigen bei diesem Haus an der Lange Straße 12 die hohen Stockwerkschwellen einen durchlaufenden Fries aus spiegelbildlich angeordneten Figuren und Blattranken, die sich teilweile aus Füllhörnen entwickeln und als Drachenköpfe auslaufen. Auf den viertelkreisförmigen Fußbändern erscheint eine Blattdekoration mit Masken und Figuren.

Besonders hervorgehoben ist das Feld oberhalb der Toreinfahrt, das Adam und Eva unter dem Paradiesbaum zeigt, eine beliebte Darstellung in der figürlichen Zierschnitzerei des 16. Jahrhunderts.

Als neues Detail wurden hier ebenfalls Fächerrosetten eingesetzt, die zu dieser Zeit im Oberweserbereich zu finden waren. Es ist daher davon auszugehen, dass hier mit Vorlagenblättern gearbeitet wurde, die dort ihren Ursprung hatten.

Sicher hat es mehrere, so hochwertig gestaltete Fachwerkgebäude in der Nähe des zentralen Marktplatzes und der Marienkirche in Lippstadt gegeben. Aber drei gewaltige Stadtbrände legten große Teile der Stadt in Schutt und Asche. Der erste große Stadtbrand war im Jahr 1644. Folgenschwerer war jedoch der Brand im Jahr 1656, dem, wie man einem Kollektenbuch aus dieser Zeit entnehmen kann, ganze Straßenzüge mit rund 300 Häusern südlich des Marktplatzes zum Opfer fielen. In der damaligen Zeit war das damit mehr als die Hälfte des gesamten Gebäudebestandes der Stadt. Ein dritter Stadtbrand im Jahr 1676 forderte nochmals über 100 Häuser. Diese Brände erklären die heute noch vorhandene fast zeitgleiche Bebauung südlich der Marienkirche aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert.

Von allen Stadtbränden blieb der Bereich nördlich der Marienkirche und des Marktplatzes verschont. Somit auch das hier vorgestellte Gebäude.

Leider ist über die ursprünglichen Eigentümer und Baumeister nichts bekannt. Im 18. Jahrhundert wird das Haus von Ackerbürgern bewohnt, die neben ihrer Landwirtschaft auch eine Schmiede betrieben.

Mitte des 19. Jahrhunderts erwarb der Kappenmacher und Kürschner Clemens Gödde das Haus für 800 Reichstaler. In dieser Zeit muss es auch gewesen sein, dass das Gebäude sein äußeres Erscheinungsbild völlig verändert hat. Fachwerk war nicht mehr „modern". Es sah zu ärmlich und zu bäuerlich aus. So wurde wie in vielen anderen Fällen auch durch einen Verputz ein Steinhaus vorgetäuscht.

Ende des 19. Jahrhunderts zog eine Gastwirtschaft mit einer Materialhandlung in das Gebäude ein. In dem südlich gelegenen Schankraum befand sich zu dieser Zeit eine Galerie, die spöttisch als „Hühnerwiem" bezeichnet wurde. Niemand ahnte, dass sich aus diesem Namen rund 150 Jahre später der Name „Goldener Hahn" ableiten sollte.

Ein weiterer Verkauf des Gebäudes 1914 brachte eine gravierende Änderung, denn durch den Kaufvertrag wurde der neue Eigentümer Eberhard Bonsel verpflichtet, das Gebäude wieder fachwerksichtig zurückzubauen.

Direkt nach dem 1. Weltkrieg wurde der Materialhandel aufgegeben und auch dieser Bereich der Gaststätte zugeschlagen. Eine letzte große Umbauphase erlebte das Gebäude 1937 als der gesamte Innenraum im rustikalen Stil mit dunklen Holzvertäfelungen, Vitrinen und passendem Mobiliar ausgestattet wurde.

Aus „Bonsels Hühnerwiem" wurde endgültig die Gaststätte „Goldener Hahn", die seitdem auch mit einem entsprechenden prunkvollen Ausleger zu bewundern ist.